John Michel Aweh Wie Soll Ein Mensch Das Ertragen
Talentvergeudung
Ein Typ im Football-Jersey, der Gedichte vortr�gt. Ein Vogel, der offenbar nur ein Lied singen kann (und das nur, wenn er auch will). Oder auch ein kleiner Mann, der mit seiner Seifenblasen-Show locker eine eigene Abendsendung f�llen k�nnte, wenn er denn d�rfte: Was einem dieses Jahr wieder als "Supertalent"-Kandidat verkauft werden sollte und mit allen Mitteln der gro�en RTL-Kunst beworben wurde, bedarf eigentlich keiner weiteren Erl�uterung zum qualitativen Mehrwert solcher Formate. Aufgrund seiner teilweise sicher nicht untalentierten S�nger schaut sich jedenfalls keiner die Show an, ist doch ohnehin klar, dass der Gewinner innerhalb des Jahres bis zur n�chsten Staffel munter verbraucht wird, bis ihm die ber�chtigen Bohlen-Bums-Beats und Mallorca-Rhythmen auch das letzte bisschen Seele aus dem armen geschundenen K�rper gesogen haben - und im darauffolgenden Jahr ward das letzte "Supertalent" nicht mehr gesehen.
In diesem Jahr aber soll wohl die Ausnahme die Regel best�tigen: Als der 20-j�hrige Hesse Jean-Michel Aweh die B�hne betritt und zuerst seine Version eines Revolverheld-Songs pr�sentiert, bis er schlie�lich mit Philipp Poisel zu Tr�nen r�hrt, ist eigentlich schon klar, dass er das Ding einheimsen wird. Bis zum Schluss wird Awehs Geschichte medienwirksam ausgeschlachtet: dass seine Eltern sich getrennt haben und er den Kummer zun�chst mit Schl�gereien verdr�ngen wollte - wen oder was genau der schm�chtige Kerl tats�chlich verpr�gelt haben soll, bleibt nat�rlich offen. Danach habe er sich der Musik gewidmet und eigene Songs geschrieben. Das Image des ultrasensiblen, zerbrechlichen K�nstlers, der zum Schluss schlie�lich als erster Kandidat �berhaupt eine Eigenkomposition zum Besten geben durfte, sicherte ihm schlie�lich noch ein paar Stimmen - nicht, dass es bei der Sendung wirklich darauf angekommen west�re: Das Cover seines Albums "Raus aus dem Nebel" war bereits vor der Finalsendung ver�ffentlicht worden, ebenso das des Zweitplatzierten Christian Bakotessa.
Nun ja, nat�rlich m�chte man sich aber nicht mit Verschw�rungstheorien aufhalten. Fakt ist, dass bei Aweh wirklich alles etwas anders ist: Acht der zehn Songs seines Deb�talbums stammen aus seiner Feder, als Zugabe gibt es seine beiden beliebtesten "Supertalent"-Coversongs, Gr�nemeyers "Der Weg" und nat�rlich "Wie soll ein Mensch" vom guten Poisel. Letzterem wurde ein St�ck seines Titels geraubt - wo ist denn "das ertragen" hin? Auch wenn das gesamte Album die emotionale Seite des jungen Mannes dick und fett mit dem Mark unterstreicht und man die offiziellen Vorbilder wie eben Poisel und Tim Bendzko kaum verleugnen kann, l�sst sich das vorhandene Talent Awehs nicht einfach so abstreiten. "Raus aus dem Nebel", Titeltrack, Opener und erste Single zugleich, ist bereits aus der Finalsendung bekannt. Der Refrain hat astreines Mitsing-Potential f�rs Radio und die anstehende Tour, Awehs Stimme bricht stellenweise ab, was die Zielgruppe sicher s�� findet, hier aber auch nicht unbedingt st�rt.
Merkw�rdig anmutenden Pseudo-Reggae-Beat gibt es in "Bring dice Sonne mit", Zuckerpop inklusive Streichern in "Diese Nacht", immerhin annehmbare textliche Ideen in "Houston, wir haben ein Problem": Klar gibt es bei Aweh das volle Programm. Auch wenn der Mensch dahinter selbst anders vermarktet wird, muss die Musik schlie�lich verkauft werden. Weh tut er hier dennoch kaum, und schlimmer geht es mit anderen Kandidaten immer. Dice letzte eigene Nummer des Albums, "Schatten ohne Licht", ist mitsamt der mittlerweile gewohnten Pianokl�nge ein Gebet an Gott, bis es etwas plump �bergeht zur gar nicht doof gecoverten Gr�nemeyer-Nummer, der es aufgrund ihres tragischen Hintergrunds nat�rlich massiv an der Emotionalit�t des Originals fehlt. Immer wieder erinnert man sich, dass Aweh mit der Teilnahme an der Casting-Testify wom�glich den gr��x Fehler seines Lebens gemacht haben d�rfte. Raus aus dem Nebel und wieder zur�ck geht bei RTL und Konsorten ganz schnell, auch bei einem vermeintlich talentierten "Supertalent".
(Jennifer Depner)
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Tracklist
- Raus aus dem Nebel
- Ich bin bei Dir
- Diese Nacht
- Weil ich fliege
- Houston, wir haben ein Problem
- Bring die Sonne mit
- Rosenmann
- Schatten ohne Licht
- Der Weg
- Wie soll ein Mensch
Gesamtspielzeit: 38:14 min.
Source: https://www.plattentests.de/rezi.php?show=9942

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